Einmal leben bitte – ohne Brustkrebs

Su an der Ostsee

Su am Timmendorfer Strand

Der letzte Eintrag über meinen Busenfreund den Brustkrebs ist nun ein Jahr her. Und das hatte mehrere Gründe. Einer davon war, dass ich endlich wieder normal leben wollen würde. Ohne den täglichen Brustkrebswahnsinn.

Während der Chemo im Sommer 2014 fragte ich mich immer wieder wie es sei wieder normal zu sein, ohne Angst zu leben und auf ein „Wie geht’s Dir?“ ganz normal „ja ganz gut“ antworten könne. Das Leben zuvor drehte sich nur um das eine Thema: „Brustkrebs tagein tagaus.“ Also versuchte ich es in allen Bereichen zu minimieren und es kaum noch aufkommen zu lassen. Denn das was ich auf keinen Fall wollte war einen auf Mitleidstour machen. Meine volle Konzentration galt meinem Job. Es brachte Spaß und durch eine Babypause meiner Kollegin ergatterte ich nach nur 4 Monaten eine bessere Position, die mir auf Anhieb sehr gefiel. Ich war zurück im Leben und konnte mich beweisen.

Im März diesen Jahres begann der Brustaufbau. Da ich so flach wie ein Mann auf der rechten Brust war musste die Haut für ein Silikonkissen vorgedehnt werden. Die OP vertrug ich diesmal so gar nicht. Fieber, Übelkeit und Erbrechen ereilten mich. Die Medikamente gegen Übelkeit lösten nochmal Übelkeit aus und ich konnte mich kaum bewegen so schmerzhaft war das ganze diesmal. Der Expander, zu vergleichen mit einer leeren Wärmflasche, wurde unter den Brustmuskel gelegt und war schon mit 100ml Kochsalzlösung befüllt worden. Durch eine Spritze wurde er 3 weitere Male befüllt, so dass am Ende 280ml im Expander waren.

Diese Wölbung sah gut aus, fühlte sich immer besser an und bedeutete für mich mehr Weiblichkeit. Die BHs waren nicht mehr nur noch leer und beim Befüllen wurde ich jede Sekunde glücklicher. Alles was eine Frau ausmachte wollte ich mir zurückholen. Roter Lippenstift, roter Nagellack, meine Haare die immer länger wurden, getuschte Wimpern. Ich blieb 5 Tage im Krankenhaus und dann noch weitere 2 Wochen zuhause. Vom Bett aufzustehen war die Hölle. Es tat weh beim Hochdrücken mit den Armen, es brannte wie eine große Schürfwunde, aber trotz allem nahm ich es in Kauf. Denn ich wollte wieder mein Ich zurückbekommen. Mein ganz normales Leben.

Einige wussten von meiner OP, aber ich versuchte tapfer zu bleiben und erwähnte es kaum. Die Schmerzen ließen nach und für die nächsten sechs Wochen trug ich einen gemütlichen Kompressions-BH (Marke Anita, in schwarz und weiß erhältlich) mit Frontreißverschluss, der mir verordnet wurde. Er saß schön fest und hielt alles beisammen, Tag und Nacht. Damit der Expander nicht verrutschte war oberhalb des BHs ein Band integriert welches den Expander nach unten drückte. Es sah zwar nicht schick aus, aber es fühlte sich angenehman und ich trug das Ding nur zu gern. Die Balconette BHs von Hunkemöller waren also erstmal passé. Mittlerweile trage ich gern bügellose BHs  von Tchibo und immer mal wieder den Kompressions-BH. Am besten den Kompressions-BH vor der OP anprobieren, da ansonsten eine Mitarbeiterin gern vorbeikommt und die Anprobe auf einer frischen Wunde macht was sehr sehr schmerzhaft sein kann. Mein neuer Mops war erstmal tabu, auch für Krankenhauspersonal😀.

Nach einigen Wochen ging ich wieder arbeiten, alle paar Wochen fuhr ich noch ins Krankenhaus zum Befüllen. Klar war das Thema so noch sehr präsent, aber ich versuchte davon abzulenken. Denn ich wollte wieder normal sein wie jeder andere auch. Im Sommer fing ich wieder mit Wakeboarden an, um mich fit zu halten. Anfangs war es recht schwierig mit meinem rechten Arm sobald die Leine mich davon zog. Seit meiner letzten Befüllung wurde mein Arm nämlich etwas dicker bei körperlicher Betätigung. Lymphdrainage musste her, um das Lymphwasser in die richtigen Bahnen zu leiten und den Arm wieder dünn zu bekommen.

Processed with MOLDIV

Der Sommer war einer meiner besten seit langem. Ich besuchte 5 Festivals, genoss es mit anderen unterwegs zu sein und Menschen kennenzulernen die meine Brustkrebs Geschichte nicht kannten. Das war irgendwie befreiend, denn ich fand zu mir selbst zurück und war trotzdem ein neuer Mensch.

Meine alljährliche Untersuchung im September verlief gut, aber nicht wie geplant. Ein MRT war geplant, jedoch ist dies nicht mit einem Expander möglich, da er einen Magneten enthält der das Ergebnis verfälschen würde. Also nur Ultraschall und eine schmerzhafte Mammographie mussten her. Und die Qualen hatten sich gelohnt. Das Ergebnis war positiv und meine OP für meinen weiteren Brustaufbau mit Silikon wurde für den 1. März 2016 geplant.“wir können es auch mit Bauchfett machen…“ tja, aber wo sollte das denn herkommen? Einen Bauch hatte ich noch nie und von meinem Po wollte ich auch nix abgeben. Dauerte eh schon zu lange wieder an Gewicht zuzulegen.

Irgendwie hatte ich mein Leben zurück, aber die Angst blieb. Sie ist nicht jeden Tag präsent, aber sie ist da. Mal mehr mal weniger. Einige sagen, Sie können es verstehen. Andere sagen sie wollen es nicht mal verstehen oder sich in diese Lage versetzen. Wenn man jedoch nicht selbst so etwas durchgemacht hat als Patient, Partner oder Angehöriger, dann ist es nicht vorstellbar welche Angst in einem schlummert und sollte sich auch nicht wirklich ein Urteil bilden. Jeder hat sein Päckchen zu tragen was nicht weniger leicht ist als das der anderen.

Und genau as diesem Grund zog ich mich eine zeitlang  zurück, redete kaum noch darüber und versuchte mein Leben wieder zu sortieren. Wie ein ganz normaler Mensch eben. Und irgendwie wollte ich auch zeigen, dass ich diesen Blog nicht dafür ins Leben rief, weil ich „geil“ auf Öffentlichkeit war. Nein, denn es war anfangs meine Therapie und für viele auch ein Halt was ich immer wieder an der Resonanz meiner Leserschaft sah und an den vielen Betroffenen die mir schrieben, mit mir telefonierten oder mit mir redeten.

Momentan freue ich mich auf Weihnachten und alles andere was noch kommen mag. Natürlich ohne meinen ständigen Begleiter.

Was ich dieses Jahr dazu gelernt habe? Es gibt immer zwei Seiten der Medaille.img_1705

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2 Antworten zu “Einmal leben bitte – ohne Brustkrebs

  1. Liebe Susann, ich habe mich sehr gefreut mal wieder nach einiger Zeit von Dir zu lesen. Es freut mich dass es Dir gut geht. Ich blogge ja jetzt auch schon seit Dezember 2014 und ich merke dabei immer sehr, dass es mir gut tut alles von der Seele zu schreiben. Aber Du hast auch Recht damit. Manchmal belastet es einen auch ein bisschen sich immer wieder erneut daran zu erinnern. Ich möchte einfach auch wieder voll und ganz dazu gehören. Ich merke sehr oft die mitleidigen Blicke wenn ich von meiner Krankheit den Knochenmetastasen erzähle. Aber ich spreche deshalb nicht so oft darüber. Ich sage den meisten, die mich fragen, dass es mir gut geht. Ich wünsche Dir auch eine schöne Adventszeit. LG Andrea meinlebenmitbrustkrebs.blogspot.de

    Gefällt 2 Personen

  2. Liebe Susann,
    das ist sooooo schön zu lesen und ich freue mich wirklich mit DIR!!! Ich wünsche Dir ganz viele unbeschwerte Momente, ein tolles Leben und eine riesige Portion Glück, damit Du alles erreichen kannst was Du möchtest.
    Vielen Dank für diesen Eintrag und viel Spaß beim LEBEN,
    Deine Christine! ❤

    Gefällt 1 Person

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