Den Optimismus optimieren

Ich war schon immer ein positiver Mensch, daran konnte auch der Krebs nichts ändern. Mein Humor und meine positive Stärke verhalf mir eher das ganze gut zu überstehen. Oft machte ich Witze wo andere dachten „Oh Gott was für ein schwarzer Humor“. Doch anstatt mich zu vergraben gab ich noch mehr Vollgas und holte aus allem das Beste raus.Obwohl es nicht immer gut ankam machte ich trotzdem weiter. Denn es gab auch traurige und dunkle Momente, Tage an denen ich kein Licht am Ende des Tunnels sah. Eher das Licht am Ende des Tunnels welches mich auf die andere Seite tragen würde.

img_3598

Traurige Tage gab es oft genug. Besonders, wenn ich wieder jemanden auf meiner Reise verlor. Kerstin die mich am 2. Februar 2015 verließ, weil der Krebs stärker war. Ich weiß noch wie ich am Bett bei ihr im Krankenhaus saß, wir uns anschauten und ich wusste, dass sie nicht mehr lange bei uns bleiben würde. Die Frage die mir im Kopf herumschwirrte lag mir schon länger auf den Lippen. Mein Unterkiefer bebte, meine Lippen zitterten und dann sprach ich es aus: „Gibt es noch etwas was du gern machen wollen würdest? Ich fahre mit dir an Ostsee, wenn du willst. Egal was es ist, wir machen es.“ Mit meinem damaligen Opel Corsa wäre ich überall hingetuckert, egal, Hauptsache es hätte sie für einen Moment glücklich gemacht. Und es kommt mir vor wie gestern als sie mir antwortete „Ich will einfach nur zuhause mit meiner Familie glücklich sein“ und schaute dabei auf das Bild ihrer Familie. Die Tränen von uns beiden kullerten und wir lagen uns in den Armen. Zwei Wochen später ging sie den Weg den wir alle am Ende unseres Lebens noch vor uns haben. „Kommst du zur Beerdigung?“ fragte mich ihr Mann. „Wir haben Verständnis, wenn du nicht kommen magst“, sagte er. „Nein, ich komme, auf jeden Fall. Wir haben das gemeinsam angefangen also gehe ich auch ihren letzten Weg mit ihr.“

Seitdem habe ich mehrere Beerdigungen von Gleichgesinnten besucht. Alle traf ich seit meiner Diagnose Brustkrebs.Ich bin einerseits sehr traurig, andererseits gibt es mir unheimlich Kraft, sie geben mir Kraft. Ich stehe am Grab, lasse die Rosenblätter langsam ins Grab fallen, verabschiede mich, bedanke mich für die Zeit die wir miteinander hatten und bin froh, dass ich ein Teil von diesem Leben war welches es nicht mehr gibt.

Ich bin froh, dass ich mit Kerstin tolle Zeiten hatte, dass wir die letzten Monate Spaß hatten und wir uns immer Witze erzählt haben, obwohl es Momente gab die wortwörtlich zum Kotzen waren. Dann stehe ich am Grab, erhebe mich und sage „Ich kämpfe für uns, ich schaffe das, ich schaffe das für uns! Und wenn die Medizin sich ein Bein ausreißen muss. Ich schaffe das bis dieser Scheiß Krebs endlich besiegt werden wird!“ Auf eine Art und Weise bin ich wütend, dieser Tod soll nicht umsonst gewesen sein. Ich muss es irgendwie schaffen, und dann kommt diese geballte Energie die mich erschlägt, die mich wachsen lässt, die mich wieder positiv stimmt. Denn ich habe noch die Zeit und kann etwas tun für die die nicht mehr unter uns sind. An einigen Tagen klappt das nicht so gut, da muss ich mich selbst aufraffen, an anderen Tagen scheint wieder die Sonne und die Energie kommt zurück.

„Turn something negative into something positive“ sagte mal jemand zu mir. Ich verstand es zuerst nicht, doch mittlerweile kann ich negative Schwingungen so umdrehen, dass ich dadurch positive Energie ziehen kann und es mich mehr beflügelt. Ich weiß, dass meine Freunde, die es nicht geschafft hatten, die letzten Monate zu kämpfen hatten. Dennoch weiß ich auch, dass ich versucht habe immer das beste draus zu machen, wir gelacht haben, wir irgendwie verbunden waren, wir Spaß hatten. Und wenn ich nur eine von den täglichen 24 Stunden dazu genutzt habe, mit meiner Freundin zu lachen, Scherze zu machen, diese blöde Krankheit einfach zu vergessen, so habe ich schon längst gewonnen und diese schreckliche Zeit zu etwas positivem gemacht. Mit Mitleid hätte ich mich und andere nur runtergezogen, so hopste ich bei Tini auf dem Stepper hoch und runter, der dabei schrecklich quietschte. Der sollte einfach mal geölt werden. Dabei rief ich zu Tini „Los du bist auch dran, schmeiß dein Gummiband um die Hüften und leg los, ich mach uns Musik mit richtig Bums an. Dann wirst du es fühlen und wir hotten hier ab!“ Tini hatte sich dieses elastische Gummiband um die Füße gewickelt und lag auf dem Rücken im Bett, die Enden des Bandes um ihre Hände gewickelt, so zog sie es an sich und ihre Beine spannten sich an. Damit trainierte sie ihre erschlafften Muskeln im Liegen. Auch Tini schaffte es nicht trotz Stammzellspende.

Die Nachricht überkam mich erschreckend, ich setzte mich aufs Rad und fuhr im hellen warmen Sonnenschein nach Hause, mit Tränen in den Augen und Foo Fighters im Ohr schallerte es aus meinem Handy. Von außen sah ich beruhigt und gefasst aus, von innen sah es aus, als würde ich in einem langen Schacht ganz unten sitzen, den Kopf nach oben zum Licht gedreht, und dabei schrie ich nach oben als würde mich jemand bei lebendigem Leibe verbrennen. Es hörte keiner, ich wollte es auch nicht, ich machte es mit mir selbst aus. Ich versuchte aus diesem tiefen Schacht herauszukommen, indem ich mit den Händen an den verstaubten Wänden kratzte. Die Steine zerbröckelten, doch ich kam nicht heraus. Das einzige was ich sah war das Licht am Ende des Tunnels. Und ich wusste, dass ich irgendwann wieder dort ankommen würde.

Mittlerweile kann ich mit diesem Schmerz und dieser negativen Energie umgehen. Auch an Tini’s Beerdigung stand ich da und sagt ihr am Grab „Ich schaffe das, ich schaffe das für uns!“ Ihr Leichenschmaus glich eher einer kleinen Gartenparty zu der ihre Lieblingsgetränke Gin Tonic und Holunderblütensirup mit Selterwasser gereicht wurden. Jeder trug florale bunte Kleidung und vergnügte sich und erzählte sich Geschichten über Tini. Natürlich überkam den ein oder anderen eine kleine Träne oder ein Seufzer. Wir können Tini dafür danken, dass sie uns zusammen gebracht hat an so einem sonnigen Tag. Ist es nicht das was das Leben mit einem Menschen ausmacht den man gekannt hat? Anstatt traurig zu sein, hole ich mir die tollen Momente zurück ins Leben die ich mit dieser Person hatte. Und bin froh, dass ich diese tollen Momente erleben durfte. Wie mit meinem Opa mit dem ich noch auf die Wiese lief, um den Pflaumenbaum zu schütteln damit die Schafe was zu futtern hatten. Die Leiter schaukelte im Baum, die Pflaumen fielen den Schafen auf den Kopf oder klatschten auf den Boden und zerbrachen dort. Mein Opa rief nur „Du musst noch höher gehen und kräftiger schütteln!“ Als ich wieder runterkletterte liefen wir in der Abenddämmerung an den Büschen entlang, an den Johannisbeeren und an den Stachelbeeren die ich so sehr liebte. Es waren die letzten Tage die wir gemeinsam miteinander verbrachten. Normalerweise machte er diesen Spaziergang mit Oma, doch sie weilte seit einigen Wochen nicht mehr unter uns. Nachts hielten wir unsere Hände. Wir konnten beide nicht schlafen aufgrund der Therapien und wir schwitzten um die Wette. Manchmal unterhielten wir uns über Gott und die Welt. Auch wenn ich traurig bin, dass auch er irgendwann von uns ging, so halte ich diese Momente und diesen Menschen in Ehren. Auch an seinem Grab sagte ich „Ich schaffe das, ich schaffe das für uns!“ Ich möchte nicht, dass anderen so etwas passiert und sie schmerzlich Abschied nehmen müssen, deshalb mache ich weiter.

img_2539

An Tagen wo ich nicht diese Einstellung habe, versuche ich früh aufzustehen, füttere die Kaninchen und lächle dabei. Wuschel würde es aber sofort bemerken, wenn etwas nicht stimmen würde. Nach der Raubtierfütterung suche ich mir eine Aufgabe. Es kann irgendetwas sein. Entweder Kaffee trinken mit Freunden oder ich mache etwas im Garten, gehe Radfahren, backe Brot (Sauerteigbrot ohne jegliche Zusätze), lese ein Buch oder betätige mich handwerklich. Irgendetwas gibt es immer zu tun. Das weiß selbst ich als Projektmanagerin 🙂 Wichtig ist es auf jeden Fall, dass ich morgens beim Aufstehen mich gleich zurecht mache und keine Gammelsachen anziehe. Um so schlechter ich mich fühle, je besser ziehe ich mich an und mache mich zurecht. Das hebt gleich mein Selbstwertgefühl, ich schaue in den Spiegel und sage mir „Hm siehst gar nicht mal so übel für einen Krebspatienten aus!“

Ein paar Hampelmänner später befinde ich mich im Keller und bemale einen Tisch. Wichtig dabei ist es auch, dass ich mir eine ToDo Liste erstelle. Diese hab ich auf dem Handy und kann sie abhaken, wenn etwas erledigt ist. Das gibt mir gleich ein gutes Gefühl, umso mehr Häkchen ich auf der Liste sehe. Jegliche Termine stelle ich mir im Kalender ein, damit ich einen Plan von den nächsten Woche habe, den ich abarbeite und so das Gefühl bekomme, dass ich eine Daseinsberechtigung auf diesem Planeten habe, dass etwas Sinn macht. Manchmal verweile ich etwas auf Instagram. Sobald ich aber merke, dass es mir zu viel Zeit raubt und ich dort nur Inhalte angezeigt bekomme die nichts mit der Realität zu tun haben, schalte ich es ab. Wie viele reden heutzutage davon so zu sein wie man ist und dann sieht man trotz allem diese Instagram Posts wo jemand total schick am Meer liegt, Bild bearbeitet und dann erfahre ich aber, dass die Person derzeit im Büro sitzt, völlig gestresst. Genau so wie Veganer ihre veganen Gerichte posten, sich jedoch gerade einen Döner reinziehen. Diese Welt wird sich nie ändern, denn wie viele machen sich selbst und anderen etwas vor, nur um besser dazustehen. Und die Frage die ich mir dann immer stelle ist „Für was?“.

Das Handy lege ich dann einfach weg, abends ist es oft aus, da ich zur Ruhe kommen möchte und meine Zeit mit lieben Menschen verbringen will wo ich Spaß habe und ich mich wohl fühle. Meinen Optimismus optimiere ich dadurch, indem ich mich nicht mehr herunterziehen lasse durch negative Gedanken, indem ich negatives in positives umwandle und indem ich die Person bin die ich wirklich bin.

Gerade bin ich auf Jobsuche und auch das ist oft nicht einfach, denn oft kommen Absagen. Doch dann denke ich mir „Es sollte nicht sein, denn etwas anderes wartet auf mich, etwas was wirklich passt zu mir.“ Und vielleicht soll ich einfach noch zuhause bleiben und die Zeit für meine Genesung nutzen. Schwupdiwup schreite ich wieder voran ohne jeglichen traurigen Moment daran zu verschwenden. Das Leben ist nicht immer einfach, aber durch ein paar Tricks kann ich jegliche Situation vereinfachen, kein Drama draus machen und auf meiner Zufriedenheitskurve höher schreiten als ich vorher gewesen bin.

img_0080

7 Gedanken zu “Den Optimismus optimieren

  1. Andrea sagt:

    Liebe Su,

    ich mag deine Texte einfach gern. Ich finde mich in deinen Worten so oft wieder. Mein Motto war und ist „Kopf hoch, Brust raus“ – kurz nach meiner Diagnose beim Schminkkurs auch mal „schöner sterben mit Chanel “

    Liebe Grüße
    Andrea

    Gefällt 1 Person

  2. panakita97 sagt:

    Die Dinge positiv zu sehen, ist gar nicht so einfach. Sich selbst zu sagen “ist nicht schlimm, dann sollte es nicht sein”, das ist wohl noch der leichteste Schritt. Aber wirklich daran zu glauben, die negativen Gedanken nicht mehr zuzulassen, das erfordert viel Mut und Willen. Das ist stark. Davor habe ich großen Respekt!
    Viel Kraft und viel Erfolg bei deiner Jobsuche! 😊

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.