Die Wichtigkeit des Wichtigseins /The importance of being important

„Sie machen jetzt nur noch das was IHNEN gut tut“, höre ich die Ärztin immer noch sagen als sie mir die Diagnose Brustkrebs mitteilt. Und genau das tat ich auch. Ohne Rücksicht auf Verluste. Dass meine Liebsten dabei auf der Strecke blieben war mir nicht bewusst geschweige denn, dass es mir auffiel. Denn ich war ja wichtig, ich hatte Krebs und ich musste wieder gesund werden. Immer nur ich ich ich…. Alles musste sich um mich drehen und wenn es das nicht tat war ich sauer. Ich war doch krank und andere müssten das verstehen. Das Thema Brustkrebs übernahm die Macht von mir, Tag für Nacht , tagein tagaus. Ich befasste mich nur noch mit dem Krebs. „Oh da kommt eine Sendung über Krebs“ oder „morgen ist ein Krebstreffen“ waren oft an der Tagesordnung. Es ist wie eine Freundin schon sagte als würde man mit einem Ingenieur ständig über die neuesten Modetrends reden. Irgendwann nervt es den anderen denn er oder sie hat ja auch noch ein anderes Leben und möchte auch mal schöne Momente mit dem Partner erleben ohne immer wieder darüber reden zu müssen. Mein Partner versuchte mich wach zu rütteln, aber ich blieb stur, er biss auf Granit. Er musste mich verstehen, er musste Rücksicht nehmen, er musste musste musste. Ich fühlte mich für sehr wichtig, denn es war ICH die sich mit dem Tod rumkämpfte. Und das sagten mir auch die Ärzte, meine Mutter sowie andere Brustkrebspatienten. Mir wurde immer weniger bewusst, dass ich den Bezug zum Alltag und der Realität verlor. Brustkrebs, das war mein Leben, von morgens bis abends sogar bis spät in die Nacht hinein. Ich vergaß, dass mein Partner Bedürfnisse hatte und gern wieder schöne Momente mit mir verbringen wollte. Wir fuhren an die Ostsee und nach Prag, in die Sächsische Schweiz. Aber mein Motto war „Hauptsache ich und alle andere müssen sich danach richten, ich bin schließlich schwer krank und habe keine Grippe!“

Mein Blog half mir über meine Probleme zu reden, ich verarbeitete so Geschehenes und gab anderen Betroffenen Halt. Mein Partner verarbeitete es für sich, blieb ruhig und versuchte mich aufzubauen, mir Normalität zu geben. „Aber warum“, dachte ich, „Der nimmt mich nicht ernst!“ Jetzt verstehe ich warum Freunde und Partner oft so reagierten. Sie stehen Todesängste aus, wollen den Partner nicht verlieren und vergessen dabei sich selbst, wollen die traute Zweisamkeit nicht verlieren. Denn nichts ist mehr so wie es mal war.

„Jetzt ist alles vorbei, jetzt kannst du wieder neu anfangen und alles vergessen.“ Nichts ist vorbei, dachte ich, es ist immer noch alles da und es muss immer noch Rücksicht genommen werden. Ich verlangte von anderen sich in meine Lage zu versetzen um mich zu verstehen. Aber mal ganz ehrlich, wer möchte als Gesunder denn schon darüber nachdenken wie es wäre zu sterben, wie es wäre am seidenen Faden zu hängen, jeden Tag einen Todeskampf ausführen zu müssen? Keiner. Das einzige was Angehörige machen können ist einen aufzubauen, für einen da zu sein, einen wieder in die Normalität zurück zu holen. Egal wie, und das war auch gut so, und leider vergreifen sich dann auch einige im Ton was sicherlich nicht böse gemeint ist sondern lediglich Frust ist über die Sturheit des Patienten.

Heute kann ich sagen, dass das Thema irgendwann zu präsent war, ich mich eingeigelt habe, ich Angst davor hatte so etwas wieder durchmachen zu müssen und mich deshalb versuchte vor allem zu schützen. „Nein ich kann nicht weggehen, ich brauche Ruhe, nein ich kann das nicht, nein ich kann dies nicht und überhaupt und sowieso.“

Klar achte ich auf meine Gesundheit mehr als vorher, aber irgendwie hätte ich auch mehr auf mein Umfeld achten sollen. Alle versuchten mich zu verstehen, doch ich verstand keinen. Denn das Wichtigste was es gab war ich und meine Gesundheit.

Ich fühle mich als hätte es vor einigen Wochen einen riesigen Knall gegeben und ich wäre erwacht aus dieser Brustkrebsblase. Die Therapie ist zu Ende seit Februar, nur noch Tamoxifen nehme ich was manchmal etwas Depressionen auslöst, aber im großen und ganzen geht es mir gut. Ich bin zurück im Leben, habe einen tollen Job, habe ein super Umfeld was ich erst so richtig schätzen gelernt habe seit meiner Krankheit. Ich bin froh alles überstanden zu haben und hoffe, dass es auch immer so bleibt. Der Krebs bleibt ein stiller Begleiter, und das soll auch so bleiben. Er soll nicht mehr den Alltag regieren, sondern ein Thema sein, der wie eine Geschichte irgendwann zu Ende geht und nur die Erinnerung daran bleibt.


“From now on you only do what you love“ I still hear the doctor saying to me when I got diagnosed with breast cancer. And that’s what I did. I didn’t look for others, I just didn’t care. I didn’t realize that I kind of lost my loved ones on the way. I was important, I had cancer and I had to get healthy again. Always just me me me. It always had to be about me and when it wasn’t that way I went mad.

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2 Antworten zu “Die Wichtigkeit des Wichtigseins /The importance of being important

  1. Tja, nicht umsonst gibt es Gruppen und Literatur für Angehörige/Partner/Nahestehende von Betroffenen. Auch diese brauchen Unterstützung und die muß gaaaanz anders aussehen als für die Betroffenen selbst.
    Außerdem können gerade die nahestehendsten Menschen den Betroffenen oft gar nicht helfen und die tun sich auch oft gegenseitig (jeder mit seinen ganz eigenen Sorgen und Ängsten) gar nicht gut. Da wird sich auch manchmal mit Erwartungen gewaltig überfordert.
    (Das ist mit ein Grund, warum man z. B. eine Freundin zu einem Arztgespräch mitnehmen sollte) Ein sehr nahestehender Mensch, kann ebenso „daneben hören“ wie ein Betroffener selbst.
    Das darf man auch überhaupt nicht werten, also welche Ängst/Sorgen/Ansprüche jetzt schlimmer oder wichtiger sind. Das hat alles seine Gründe und seine Berechtigung.

    lieben Gruß
    Sue

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  2. Man muss schauen, das man Verwandte und Freunde mit der Diagnose nicht überfordert, viele können damit nicht umgehen oder verarbeiten. Wir haben auch zwei Jahre Chemo hinter uns, das heißt meine Tochter. Das Leben für einen selbst wird auf den Kopf gestellt, man muss erst begreifen was geschehen ist.Finde ich gut, das du deine Gedanken und Ängste in einen Blog geschrieben hast.Ich habe auch ein Tagebuch für meine Tochter geschrieben,damit sie später weiß was geschehen ist.

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