Die dunkle Seite / The dark side

fröhliche SUDer Krebs kam, sah und siegte. Er wird auch immer irgendwie bleiben, auch wenn meine rechte Brust nicht mehr da ist. Das merke ich in den Momenten wo es mir einfach nicht gut geht, wo ich nicht weiß wieso weshalb warum. Die Tränen fließen wie ein schnellender Fluss, das Herz pocht, die Luft scheint immer weniger zu werden. Das sind die Momente wo ich nicht mehr die Su bin die alle kennen. Fröhlich, lustig, lachend, albern und viel Sonnenschein im Herzen. Die meisten sehen und kennen mich so. Das ist oft auch gut so, denn ich möchte anderen ein Beispiel sein, vielleicht auch ein Idol. Ich selbst hatte nie ein Idol, deshalb versuche ich es besser zu machen und anderen so Halt zu geben. Und weil ich auch weiß wie schmerzhaft und unglaublich hart es ist allein in so einer Situation zu sein, versuche ich für andere da zu sein. So weit es geht. Doch manchmal geht einfach gar nichts mehr.

In diesen Momenten kommt keiner an mich heran. Selbst meine Mutter oder mein Freund nicht. Am Telefon zu meiner Mutter sage ich nur schroff „Heute nicht, ich kann nicht,“ und lege auf. Ich lege mich auf die Couch, kauer mich zusammen. Alles ist zu viel. Der Fernseher dröhnt als würde eine Bassanlage neben mir stehen, das Klackern des Handys hört sich an als würden Elefanten durch die Savanne trampeln. Mit meinen Beinen strampel ich auf und ab, fahre mir zum 1000 Mal durch die Haare, die Haut juckt als wären Millionen von Spinnen im ganzen Körper. Mein Freund versucht mich zu umarmen doch ich wehre ab. „Rien ne va plus“ würde ich sagen. Nichts geht mehr. Innerlich drehe ich vollkommen durch und irgendwie will ich nicht, dass mich so jemand sieht. Wer liebt schon einen verkrüppelten Menschen der noch vollkommen einen an der Waffel hat?!?

IMG_0128Ich schleppe mich ins Bett, reiße mir die Skinny Jeans von den Beinen und das T-Shirt mit dem Bustier ohne Bügel vom Leib. Es fühlte sich an wie eine 2. Haut die endlich runter musste. Als würden mich meine eigenen Kleider ersticken.

„Deine Freunde kennen dich nur, wenn es dir gut geht. Keiner hat dich jemals so gesehen. Alle denken immer dir geht’s gut. Keiner weiß was bei uns zuhause wirklich abgeht,“ meinte einmal mein Freund.

Und er hatte Recht. Keiner weiß es und keiner wird es jemals verstehen.

Normalerweise schreibe ich recht viel mit meinen Freunden, weil sie das Wichtigste in meinem Leben sind und ich ohne sie nicht kann. An diesen Momenten lasse ich sie jedoch nicht teilhaben. Da kommt es auch oft vor, dass ich mich tagelang nicht mehr melde oder gar eine freundliche Anrede zusammen bekomme. Nur ein flüchtiges „Sorry mir geht’s nicht gut…“ und fertig ist die Nachricht. Senden. Darüber reden will ich auch nicht, es würde eh keiner verstehen, und mich stundenlang zu rechtfertigen kostet mich Kraft und Zeit die ich in diesen Momenten nicht habe.

Dass ich schwach, depressiv und ängstlich zusammen gekauert im Bett liege weiß zu diesem Zeitpunkt nur mein Freund. Und auch der ist hilflos. Denn egal was er machen will, es ist falsch.
IMG_2021Alles ist falsch, das Leben ist Scheiße und generell gibt es keinen Lichtblick mehr. Was auch? Ein Leben mit Medikamenten und Nebenwirkungen? Ein Leben voller Angst? Wie lange dieser Moment andauert ist nicht vorausschaubar. Es ist als würde ich in einem tiefen schwarzen Loch versinken und nicht mehr rauskommen. Die Gedanken kreisen, sie sind überall. Und dann auf einmal wird mir bewusst

„Scheiße, ich hab Krebs!“

Die Chemotage sehe ich vor mir wie ich vollgepumpt mit Medikamenten nur noch schlafend beim Arzt im Sessel liege oder zuhause mich immer wieder übergeben muss bis nur noch grüne Galle kam. Oder wie ich den Abend vor der OP bitterlich weinte, wie ich danach aufwachte und meiner Mama Halt geben musste, weil sie total fertig war. „Du warst kreidebleich als du zurückkamst.“ Oder wie mein Freund nach jeder OP pünktlich im Krankenhaus war, weil ich mir schon immer wünschte, dass jemand da ist, wenn ich aus dem OP zurück kam. Eigentlich hatte er genug zu tun, es war sein erstes Jahr der Selbständigkeit, und trotzdem nahm er sich frei. Ich glaube, dass es für ihn ein großer Spagat war und oft auch immer noch ist. Er wollte nie zugeben, dass er Angst hatte. Als wir einen Film über Krebs schauten, weinten wir fast und er sagte

„Ich hatte manchmal so sehr Angst um dich.“

Er bekam das alles hautnah mit und wir haben uns viel gestritten während dieser Zeit. Zuerst konnte ich es nicht verstehen, jetzt wird es mir und ihm immer bewusster was damals eigentlich passiert war.

IMG_1040All diese Gedanken und noch viel mehr spukt dann in meinem Kopf herum. Ich will, dass jemand da ist in diesem Moment, aber irgendwie auch nicht. Ich verkrafte es nicht, wenn andere mich so sehen. Ganz ehrlich, ich glaube auch, dass sie es nie verstehen würden. Da kommen dann schon mal Sprüche wie „Na aber das wird schon wieder“ oder „In den Job kommst du schnell wieder rein, war bei mir auch so“ oder „Ich hab auch manchmal einen depri, das vergeht…“ So langsam gebe ich auf meine Krankheit zu rechtfertigen, mich zu erklären, zu sagen wie es ist. Denn es will oder kann keiner so richtig verstehen. Auch wenn die Chemo vorbei ist, so braucht der Körper Jahre um sich davon zu erholen. Der eigene Körper altert in dieser Zeit um 10 Jahre. Von der Psyche ganz zu schweigen.

Die Angst ist immer da, war sie auch von Anfang an. Nur hatte ich während den Therapien nicht so viel Zeit um darüber nachzudenken. Sobald ich fertig war mit der Bestrahlung fingen die Panikattacken und Angstzustände an. Um so mehr Zeit verging desto mehr Angst hatte ich. Angst vor mir hinvegetieren zu müssen, Angst nie mehr so zu sein wie früher, nie mehr so viel Kraft zu haben wie vorher. Und vieles ist davon auch eingetreten. Mein Gedächtnis ist wie ein Sieb, das liebe Weizengras/ Wheat grassChemobrain wie ich es gern nenne. Du sagst es, ich vergesse es. Müde bin ich auch irgendwie oft. Dagegen mache ich Sport, nehme Vitamine die Schwangere nehmen sollten, trinke Smoothies mit Gersten- und Weizengras. Wenn ich zu viel anhabe schwitze ich wie ein Schwein, wenn ich Kaffee trinke sitzen 10.000 Schweißperlen auf der Stirn. Schweres Essen bekommt mir nicht und sowieso könnte ich manchmal total an die Decke springen, im Dreieck hüpfen, aus mir rausplatzen.

Wenn diese Minuten, Stunden, Tage oder manchmal auch Wochen endlich vorbei sind, sehe ich auch wieder Licht am Ende des Tunnels. Während dieser ganzen Zeit bin ich sonst kaum ansprechbar. Dann bin ich froh, wenn es vorbei ist und trotzdem frage ich mich wie schon seit Anfang der Therapien „Wie fühlt es sich an wieder normal zu sein?“

 

Diagnose Brustkrebs - Prognose Leben

 

Brustkrebsmonat: der Oktober steht im Zeichen der pinken Schleife. Teile diesen Beitrag, um andere darauf aufmerksam zu machen. Denn auch heute noch stirbt jede 4. Frau an Brustkrebs.

In Gedenken an Kerstin. 

Advertisements

13 Antworten zu “Die dunkle Seite / The dark side

  1. guten Morgen, ich hätte eine Frage, wachsen die Augenbrauen wieder nach ? ich hab meine auch verloren, gibt es ein Mittel, das sie wieder wachsen lässt ?
    ich wünsche Dir viel Kraft und durchhaltevermögen.
    Abendstern

    Gefällt 1 Person

  2. Guten morgen. Dein Artikel hat mir gut gefallen. So geht es Marie auch und sie dachte es geht ihr allein so. Keiner der die Ängste wirklich versteht. Alle die immer nur sagen: Das wird schon. Nein, nichts wird mehr so wie es vorher war, glaube ich.
    Aber wir können uns vielleicht etwas Mut und Hoffnung geben, zu sehen man ist nicht allein.
    Halt die Ohren steif.
    Dein Bruno Bär

    PS: die Haare egal wo, also auch Augenbrauen wachsen wieder nach

    Gefällt 1 Person

    • Lieber Bruno Bär. Schön von dir zu hören. Ja ich habe lange überlegt , ob ich auch mal so einen Text veröffentliche. Es gibt so viele da draußen denen es so geht und dadurch war es mir wichtig zu zeigen/ sagen „Hey du bist nicht allein“ falls Marie mal Lust hat zu reden oder so kann sie sich gern melden. Alles Liebe!

      Gefällt 1 Person

  3. Liebe Su,
    ich bin auf Deiner Seite gelandet, weil Du einen meiner Artikel auf meinem Blog geliked hast. Und ich bin froh, dass ich hier gelandet bin! Ich finde es bewundernswert und sehr mutig, dass Du diesen Blog schreibst! Ich glaube, er kann vielen Menschen, die selbst betroffen sind helfen und Menschen wie mir die Augen öffnen, dass es mal wieder Zeit ist zum Arzt zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen. Danke dafür! Ich wünsche Dir alles das, was Dir gut tut!
    LG Mina

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Mina, das ist lieb von dir danke. Klar versuche ich oft positiv zu sein und anderen Mut zu machen, aber auch das gelingt nicht immer. Allerdings ist vielleicht auch das eine Hilfe für viele um zu zeigen „du bist nicht allein“ alles Liebe und viele Grüße, SU

      Gefällt mir

  4. Danke für Deine Zeilen. Ich bin im Moment total verzweifelt – 46, Job verloren, und nach 6 Monaten Chemo noch OP, Strahlen und Reha vor mir. Wie soll das finanziell hinkommen? Zahle auch noch Unterhalt für meinen Sohn der zu Papi gezogen ist. Ich will nicht obdachlos werden!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s