Chemo-Jahrestag / Chemo anniversairy

WAS? Schon ein Jahr ist es her? Die letzte Chemo? Damals dachte ich es hätte nie ein Ende, und nun scheint es als hätte ich nie eine Chemo gemacht, naja so in etwa… Dass nun schon ein Jahr vergangen ist seit der letzten Chemo ist irgendwie unfassbar. Anfangs hatte ich sooo mega Angst davor, vor diesem ungewissen und in den Medien hörte ich immer wieder von Krebs und Chemo und dann diese kahlköpfigen Menschen dazu. Chemo, das konnte nichts gutes sein. Und so war es irgendwie auch.

Aber was ist eigentlich genau eine Chemo?

port2 arzt an bord

Bild: Arzt an Bord

Es gibt viele verschiedene Chemotherapien. Für jeden Krebs eine andere. Da der Krebs in verschiedene Stadien eingestuft wird, mal agressiv, mal nicht so aggressiv, mal hormonabhängig, mal nicht, basteln die Ärzte erfahrungsgemäß eine Therapie zusammen.  Ich hatte insgesamt 8 Chemos, alle drei Wochen. Jeden Freitag Morgen um acht kam ich in de Praxis, meinen Rucksack mit Laptop immer dabei. Dann setzte ich mich auf einen gemütlichen Sessel, Füße hoch, Kopf zurück, und ein Tee dazu. Oh war das nett hier. Dachte ich anfangs. Dann wurde ich angestöpselt an meinen Port Katheter. Da Chemo Therapien sehr aggressiv sind können sie irgendwann die Armvenen zerstören. Armvenen können mit einem Gartenschlauch verglichen werden, die Hauptvenen im Körper mit Kanalisationsrohren. Deshalb wird dann ein Port, der auf den MuskelPortkatheter, Brustkrebs, Chemotherapie genäht wird, eingesetzt, damit die Flüssigkeit direkt durch einen Kanal in die Hauptvene gelangt. Bei mir ist der Port auch von außen noch gut sichtbar, da ich recht schlank bin. Er liegt jedoch unter der Haut und hat anfangs immer etwas gezwickt. Jetzt bemerke ich ihn kaum noch. Den Port behalte ich noch für 5 Jahre falls nochmal was sein sollte. Alle drei Monate muss er jedoch gespült werden damit nichts verstopft.

Eine Nadel stach dann immer durch meine Haut in den Port hinein. Von oben war eine Gummihaut auf dem Port, von unten eine Metallplatte die verhinderte, dass die Nadel durchstach. Dann ging es los mit Natriumchlorid oder auch Kochsalzlösung genannt, um die Nieren zu spülen. Mit dabei in diesem Mix waren auch Mittel gegen Allergien und Kortison, um die Chemo erträglich zu machen. Als das dann nach ca 1 Stunde durch war, kam das rote leckere Chemo Chemotherapie bei BrustkrebsMittel. Es hieß EC, (Epirubicin + Cyclophosphamid), jeweils 4 Zyklen davon. Als ich das erste Mal aufs Klo ging kam alles in rot raus. Ich erschrak zuerst, weil ich nicht wusste was los war. Aber nix war los. Die Chemo lief oben rein, durch den Körper und schnurstracks gleich wieder unten raus. Als das rote Mittel dann endlich durch war kam nochmal eine Packung Kochsalzlösung. Gegen 12.30 war ich dann fertig. Während der Chemo plauderte ich mit der Schwester und schaute den Film „Heute bin ich blond“ auf dem Laptop an.

Dann holte mich mein Freund ab und wir fuhren nach Hause. Bis hierhin merkte ich noch nichts. Auch beim Durchlaufen der Chemotherapie war nichts zu spüren. Ich fühlte mich nach fast 5 Stunden etwas schlapp, als hätte ich eine ganze Nacht Party gemacht und wäre jetzt auf dem Heimweg.

Gegen eventuelle Übelkeit bekam ich Tabletten mit nach Hause, aber selbst von denen wurde mir schon schlecht. Ich legte mich auf die Couch, mein Freund fing an zu kochen. Kaum konnte ich etwas davon riechen, fing es auch schon an. Totale Übelkeit, flauer Magen, Erbrechen. Ich musste ins Schlafzimmer und riss das Fenster auf. Es fühlte sich an, als würde ich gleich alles rausbrechen. Bis in die Abendstunden war der grüne Wischeimer mein stiller Begleiter. Ich liebte ihn so sehr, dass ich nicht mehr aufhören konnte ihn zu umarmen. Als ich gegen 20 Uhr mal etwas essen konnte, fuhren wir schnell in den Rewe, Zwiback und Kaugummis kaufen. Wrigleys Spearmint die gelben, die waren es die es mit angetan hatten. Jedes Mal, wenn ich aufs Klo zum Pinkeln ging dachte ich „Wenn ich jetzt ein Streichholz da reinschmeiße, dann explodiert das Klo.“ Es roch einfach nur nach Gift pur.

Die Nebenwirkungen von EC

Für ein paar Stunden ging es mir gut, ich konnte etwas schlafen, aber mein Körper fühlte sich an als würde er gegen einen Berg ankämpfen. David gegen Goliath. Morgens um 6 war ich dann putzmunter und hurra die Übelkeit war wieder da. Ich rannte ins Bad und konnte von meinem Freund, der Toilette, gar nicht mehr ablassen. Es ging gar nichts mehr, kein essen, kein trinken, nix. Bis 12 Uhr mittags. Sobald etwas reinkam, so kam es binnen Sekunden wieder raus. Mein Freund musste zur Arbeit und war jederzeit bereit wieder nach Hause zu kommen. Irgendwann ging gar nichts mehr, also rief ich den Arzt. „Was? Bei Ihnen ist es jetzt schon so schlimm?“ fragte er. Normalerweise sollten die Nebenwirkungen erst nach 2 -3 Tagen nach der Chemo einsetzen und bis zum 7. Tag sollte wieder alles abklingen.

Bei mir kam alles anders. Die Nebenwirkungen setzten sofort nach der Chemo ein und hielten 3-4 Tage an. Ich bekam Spritzen, kam an den Tropf, übergab mich dabei in der Praxis vor anderen Patienten, wurde auf eine Liege gelegt, um wieder zu mir zu kommen. Danach normalisierte sich wieder alles. So war es jedenfalls bei den ersten 4 Chemos. Alle drei Wochen jeden Freitag Chemo. Zwischen den Chemos wurden die Blutwerte kontrolliert. Waren sie schlecht bekam ich eine Spritze um die weißen oder roten Blutkörperchen zu erhöhen. Die Spritze dafür kam in den Bauch, war wie eine Spritze gegen Thrombose, nur, dass ihre Wirkung im Rückenmark wehtat.

Die neue Chemo Taxotere

Nach den 4x EC änderte sich die Chemo, also nur das Mittel. Jetzt bekam ich Taxotere, ein Mittel das aus der Eibe gewonnen wird und sich Taxol schimpft. Wie einige von uns wissen ist eine Eibe hochgiftig. Ihr könnt euch nun sicherlich vorstellen, dass ich sozusagen vergiftet wurde und mein Körper die Kraft aufbringen musste dagegen anzukämpfen. Da ich so schwer mit Übelkeit und Erbrechen zu kämpfen hatte, kam ich bereits zur Chemo vollgepumpt mit Medikamenten. Ein Pflaster am linken Arm gegen Übelkeit, ein Zäpfchen gegen Übelkeit und Erbrechen und Tabletten nahm ich am Vorabend schon zu mir. Kaum auf dem Sessel platziert schlief ich ein so voller Chemotherapie bei BrustkrebsDrogen war ich. Zwischendurch trank ich immer mal wieder etwas Tee, ging aufs Klo und sackte wieder in den Sessel zurück. Es fühlte sich an als hätte ich einen Schleier vor meinen Augen und bekam alles so nebenbei mit. Weil die Chemo Praxis ganz in meiner Nähe war und ich nicht auf einen Taxiservice angewiesen sein wollte, fuhr ich mittlerweile selbst zur Chemo und zurück nach Hause. Die neue Chemo war so viel besser als die EC, dachte ich. Pustekuchen. Die ersten Tage waren noch ganz ok, aber dann kamen immer mehr Nebenwirkungen dazu. Die Umstellung auf Taxotere war am schlimmsten. Ich konnte nicht sitzen, nur liegen oder stehen. Mein Rücken schmerzte wie verrückt im unteren Teil. Ibuprofen musste her, und zwar jeden Tag mindestens 3x sowie ein Wärmekissen unter meinen Lendenwirbel. Bei jedem Schmerz zuckte mein Körper zusammen, ich schrie ins Kissen, biss rein, weinte. Dann war mein Mund ganz entzündet, so dass ich nichts mehr essen konnte. Dagegen gab es eine angemischte Mundspülung aus der Apotheke. Schüttelfrost und Fieber hatte ich auch hin und wieder. Nachts konnte ich kaum noch schlafen. Nach zwei Stunden Schlaf war ich hellwach, Laptop an, Sex and the City gucken oder im Wohnzimmer bei offenem Fenster versuchen das Fieber runterzubekommen.

Nach der nächsten Taxotere bekam ich Blasen an den Füßen. Meine neuen Schuhe konnte ich auf Ibiza nicht anziehen, dafür waren meine Füße zu dick und zu entzündet. Naja Hauptsache die Perücke saß während ich mit Paul van Dyk, seiner Freundin und meinen alten Cream Arbeitskollegen die Flasche Moet morgens um 4 im Amnesia köpfte, nachdem wir alle in der DJ Box vor 4000 Leuten abhotteten.

Neben meinem Bett stand ein Eimer mit kaltem Wasser, in das ich meine Füße gleich beim Aufstehen tauchte. Immer öfter musste ich mich eincremen, am besten mit einer Creme mit hohem Urea Gehalt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon keine Haare mehr auf dem Kopf. Meine Haare fingen nach genau 13 Tagen nach der ersten Chemo bei Ikea auszugehen. „Oh es geht los!“ sagte mein Cousin. Wimpern und Augenbrauen gingen erst ganz am Ende der Chemos aus. Meine Muskeln wurden immer schwächer und mein Po hing immer mehr. Nix mehr mit Knackarsch. Alles was mich ausmachte war weg.

Meine Augen tränten des öfteren, meine Haut juckte irgendwie, jeden Tag kam etwas neues dazu. Die neue Chemo war hinterfotzig und gemein, ich wollte die erste Chemo EC wieder zurück, aber das ging nicht. Meine Schleimhäute waren trocken, rissen bei kleinsten Erschütterungen ein. An Stuhlgang war nicht zu denken, und wenn dann riss alles ein. Ich war am Ende so geschwächt durch die Chemo, dass ich nicht mal mehr die 54 Stufen zu unserer Wohnung in den 2. Stock schaffte. Wie eine alte Oma fühlte ich mich, die gerade 90 war. ‚Wahrscheinlich sind manche Omas eh viel flotter drauf als ich‘, dachte ich. Ich brauchte fast 2 Wochen um wieder zu mir zu kommen, mich wieder zu normalisieren. Und kaum war es geschafft, fing die nächste Taxotere Chemo wieder an. Es wurde immer schlimmer und ich immer schwächer. Meine Nägel fingen an sich zu lösen, ich feilte sie immer höher, jedoch war eine Rille zwischen Nagel und Finger zu sehen. Mit Nagellack konnte ich es etwas aufhalten. Und dann löste sich auch noch die Haut von meinen Füßen, dort wo vorher die Blasen waren.

Nach einem halben Jahr Chemo war es endlich geschafft. Ich konnte endlich wieder zurück ins normale Leben kehren. Während den Chemos lebte ich im 3Wochen Rhythmus, plante alles danach. Meine Mama und mein Freund koordinierten mit ihrer Arbeit die Termine. Beide wechselten sich ab, damit ich nicht allein zuhause war während den Chemos.

Vorbereitung ist alles

Vor den Chemos machte ich zuhause immer klar Schiff, damit nix anfiel und ich mich nicht noch um andere Dinge kümmern musste. Wäsche waschen, Wohnung putzen, einkaufen, Eintopf vorkochen. Um so leichtere Sachen ich aß, desto besser ging es mir. Und am liebsten wollte ich ganz viel Milchshakes trinken oder Eis essen. Mandeln waren auch mega und eine Mundspülung fühlte sich an wie ein erfrischender Wasserfall in meinem Mund. Wenn ich den Kühlschrank öffnete lachten mich Obst und Gemüse an, Fleisch und Wurst ließen mich kalt, mir wurde richtig schlecht beim Anblick davon.

Was macht eine Chemo?

Die Chemo greift die gesunden und die kranken Krebszellen an. Der Tumor soll nach und nach zerfallen. Ich habe das richtig gespürt, wenn ich meinen Tumor anfasste. Mein Busenfreund wurde irgendwann immer kleiner und fühlte sich nicht mehr so hart an. Als die Chemo auf die Krebszellen wirkte, kribbelte es an der besagten Stelle. Um Gewissheit zu bekommen, ob die Chemo wirkte, musste ich nach der 2. und 4. Chemo zur Kontrolle. Bei der 2. Kontrolle entnahm mir das Krankenhaus noch einmal Gewebe welches untersucht wurde, ob die Zellen darauf ansprechen. Bei der 4. Kontrolle wurde nur noch per Ultraschall geschaut, ob eine Veränderung vorlag.

Das Jahr danach

Jetzt, ein Jahr später, geht es mir wieder besser. In meinen Fingern spüre ich immer mal wieder ein kleines Zucken, andere Patienten haben richtig das Gefühl verloren. Die Nerven sind einfach tot von der Chemo. Hin und wieder bin ich noch etwas müde, auch Fatigue genannt. Dagegen mache ich Sport, verbringe Zeit in der freien Natur. Meine Haare sind wieder da und wenn ich mal jemanden treffe, der sich über seine nicht vorhandene Haarpracht beschwert dann sage ich „Mach doch mal ’ne Chemo! Danach kommen die Haare wieder richtig gut wieder…“ 😀

Läuft jede Chemo so ab?

Nein, es gibt viele verschiedene Chemos. Ich hatte 8 Zyklen alle drei Wochen. Andere Patienten letzte Chemo, Chemotherapie bei Brustkrebsdie ich während dieser Zeit traf bekamen manchmal sogar jede Woche Chemo oder auch tagelang. Weil die Chemos bei den anderen nicht so lange dauerten, sprach ich mit vielen verschiedenen Menschen in den 5 Stunden. Einige bekommen Chemo in Tablettenform ihr Leben lang, andere nehmen jede Woche die Chemo in einem kleinen Ball um den Hals gehangen für eine Nacht mit nach Hause. Es gab Patienten, für die war Chemo Alltag bis ans Lebensende. Der Krebs ließ sich dadurch nur noch kontrollieren, aber ganz weg ging er nicht mehr.

Fazit

Chemo ist hart, übel, unangenehm und anders als ich immer gedacht habe. Sie zerstört gute sowie böse Zellen. Aber nicht bei jedem müssen Nebenwirkungen auftreten. ‚Alles kann, nichts muss‘ war immer mein Motto. Jeder muss seinen eigenen Weg dadurch finden, genau so wie im richtigen Leben. Wir können uns gegenseitig Tipps geben, so wie Kerstin und ich das immer gemacht haben. Aber letztendlich ist es dein eigener Weg, den du gehst. Es ist aber zu schaffen, auch wenn es hart ist.

Heute ist es immer noch komisch, wenn ich daran denke, dass ich eine Chemotherapie gemacht habe. Es ist so unglaubwürdig, so unreal. Früher hatte ich immer einen großen Respekt vor denen die eine Chemo machen mussten, und nun bin ich einer von ihnen. Laut meiner Gynäkologin soll es in zehn Jahren wohl keine Chemotherapien mehr geben. Sie greifen einfach zu viele gute Zellen mit an und die Immuntherapie soll die alte Chemotherapie ablösen. Ich hoffe, das wird funktionieren, denn ich wünsche keinem jemals eine Chemotherapie machen zu müssen. Sie macht einfach auch sehr viel kaputt.

Advertisements

4 Antworten zu “Chemo-Jahrestag / Chemo anniversairy

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s